ArbeitsUnreize

August 3, 2010 at 2:01 nachmittags (Ab18, Uncategorized) (, )

Da ich die Bedingungen für HartzIV-Empfänger nicht kenne, hier mal eine kleine Rechnung zum Kindergeldbezug, die erklärt, warum es in Deutschland leider manchmal sinnvoller ist, weniger zu arbeiten:

Solange ein Kind sich in der Ausbildung befindet, hat es auch Kindergeldanspruch, wenn es älter als 18 Jahre ist (bis zum 25. Lebensjahr). Dieser fällt jedoch weg, wenn das Kind die Einkommensgrenze überschreitet. Ich muss zugeben, dass ich mich bei einem Tweet zum Thema vertan habe. Trotzdem, was ich an der Rechnung bemängelt habe (den Wegfall des gesamten Kindergeldes) stimmt:
Also: Ein Kind verdient im Monat durch Ausbildung, Studentenjob oder Pflichtpraktika 680 €. Seit 2010 ist die Einkommensobergrenze auf 8004€/Jahr angehoben worden. Da das Kind somit um 13€/Monat über der Einkommensobergrenze liegt, verliert es pro Monat 184 € Kindergeld (hat das Kind Geschwister, erhöht sich der verlorene Betrag um bis zu 31€)

Dem Kind bleiben also statt
680€ + 184€ = 764€
bei Wegfall des Kindergeldes
680€, eben genau die 184 € weniger, wegen 13 € die es zuviel verdient. So ein Betrag kann existenzgefährdend sein.

Ist man im Job einigermaßen flexibel (so z.B. bei Studenten) wird man wohl lieber eine Stunde weniger arbeiten, als komplett auf das Kindergeld zu verzichten.

Für die Vorjahre ist zu beachten, dass die Einkommensgrenze noch niedriger lag. Welche Regelungen in HartzIV ähnlich sind weiß ich nicht, zumindest bei der Sozialhilfe habe ich die Erfahrung gemacht, dass der Regelsatz für den Monat, wo man über einem Grenzbetrag liegt, flexibel angepasst wird. Die Motivation zum mehr arbeiten in der Nachtschicht ergab sich für mich dadurch, dass ich nicht gerne auf Unterstützung angewiesen bin. Wäre ein Betrag völlig weg gefallen hätte mich die Mehrarbeit finanziell belastet und wäre deswegen unmöglich gewesen (zudem muss ich sagen, hat mir die Nachtarbeit gefallen, da es viel ruhiger im Betrieb war).
Da lohnt sich doch die Arbeit!


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Arbeiterkind…

Juli 28, 2010 at 2:24 nachmittags (soziales) ()

Den folgenden Blogeintrag hätte ich schon länger gerne verfasst. Ich habe es immer wieder aufgeschoben. Wut, Unsicherheit, außerdem enthält er viel Persönliches. Der Artikel im SpOn gestern hat das Fass zum überlaufen gebracht. Ich habe überlegt, derartiges anonym zu veröffentlichen. Aber ich stehe zu allem was darin steht.

Es geht um den Bericht über HartzIV-Empfängerkinder, die von Arbeitsagenturen zur Ausbildung gedrängt werden.

Ich habe ähnliche Erfahrungen mit ARGE-Mitarbeitern gemacht, und möchte das hier einmal schildern:

Ich komme aus einem, wie man es heute nennt eher “bildungsfernen Umfeld”. Ich bin ein “Arbeiterkind”, meine Generation ist die erste so lange ich zurückverfolgen kann, wo es einigen Kindern möglich war, das Gymnasium zu erreichen. Finanziell war es nie ganz einfach, aber wir waren zum Glück nie auf staatliche Unterstützung angewiesen.

Allerdings sollte mein Weg klar vorgegeben sein:

Ich konnte vor Schulbeginn lesen. Obwohl ich die Grundschule als Jahrgangsbeste abschloss, bedurfte es einiger Überzeugungskraft meiner damaligen Lehrerin, damit mich meine Eltern aufs Gymnasium gehen ließen. Dort ging es erst mal bergab… Probleme mit Mobbing, die bereits in der Grundschule ziemlich heftig waren, verstärkten sich, was sich äußerst negativ auf meine schulischen Leistungen auswirkte. Trotzdem kam ich irgendwie immer durch, und schließlich stand tatsächlich in der 13. das Abitur bevor. Während sich alle anderen auf ihr Studium vorbereiteten, wurde ich, damals von meinen Eltern, gedrängt, mich um eine Ausbildung zu bemühen. Die Berufsberaterin der ARGE empfahl mir dagegen, zu studieren. Da kamen Argumente wie “deine Ausbildung für uns nicht finanzierbar” und Vorurteile gegenüber “faulen” Studenten. Damals war ich wenig durchsetzungsfähig, mein Widerstand äußerste sich vor allem darin, dass ich mir recht wenig Mühe gab und Bewerbungen absichtlich so schrieb, dass ich nicht einmal zu Bewerbungsgesprächen eingeladen wurde. Eine Ausbildung hatte mich aber wirklich interessiert. Ich bewarb mich um eine kaufmännische Ausbildung im Filmbereich und wurde zu einem Bewerbungstest eingeladen. Eine erste Auswahl  wurde durch einen Test getroffen, der allein aus dem ausfüllen einiger Fragebögen bestand. Das ernüchternde Ergebnis: “Hochintelligent, Null Selbstvertrauen”. Die Empfehlung im Gespräch nach der Auswertung seitens der Tester: “Studieren sie erst mal”… zumindest ersteres hatte sich später in einem Test der ARGE bestätigt. Leider änderte das nichts mehr an meinem mittelmäßigen Abi-Ergebnis. Auch wenn es sich vielleicht nach einer miesen Ausrede anhört, die Aussicht, trotz Abi nicht studieren zu können ist nicht gerade motivierend. Irgendwie schaffte ich es, einen Praktikumsplatz im filmtechnischen Bereich zu ergattern. Eine gute Sache, das Gehalt beruhigte meine Eltern, und ich tat etwas, was mir Spaß machte. Allerdings, zukunftsorientiert war das nicht gerade. Die Aussichten, im Filmbereich einen Ausbildungsplatz zu bekommen, standen schlecht, und es gab wenig anderes ohne Studium, was mich interessiert hätte. Letztlich war es doch nur ein aufschieben… wenn nicht Alles anders gekommen wäre: Auf Drang und mit Unterstützung von Freunden zog ich daheim aus.Plötzlich war Alles möglich. Eines der ersten Dinge, die ich danach getan habe, war, mich mit meiner Berufsberaterin zu besprechen, die mich glücklicherweise in meinem Vorhaben, nun doch zu studieren unterstützte.

Dummerweise war ich aber aufgrund meines geringen Praktikumsgehaltes nun doch erst einmal auf Unterstützung (damals “Sozialhilfe”, da ich vorher nie gearbeitet hatte) angewiesen. Mit allen Konsequenzen: Kostet eine Wohnung mehr als einen bestimmten Betrag, muss man sich etwas anderes suchen, umgelegt werden kann von der Unterstützung nichts. In meiner Heimatstadt fast unmöglich, da gerade bei kleinen Wohnungen und sogar bei WGs der normal übliche Preis/m² extrem überschritten wird. Außerdem Anweisungen wie sich bei längerer Abwesenheit (>3Tage soweit ich erinnern kann) abmelden zu müssen. Für jemanden, der mit 5×7 Stunden Arbeit die Woche sicher nicht als “arbeitsunwillig” etc. bezeichnet werden kann ziemlich erniedrigend.

Egal, ich wollte studieren. Ich hatte das Praktikum und mir für die Zeit danach bis zum Studium einen Bürojob bei einer Bekannten organisiert, nicht sonderlich gut bezahlt aber es war ja nur übergangsweise, schließlich hat mit Studienbeginn jeder  Anspruch auf BAFöG, eine Einrichtung, die genau dafür gedacht ist, Kindern aus einkommensschwachen Umfeld eben ein Studium (z.T. auch eine Ausbildung) zu ermöglichen.

Eines abends, während eine Arbeitspause rief mich plötzlich eine Mitarbeiterin des Sozialamts oder der ARGE an, ich weiß es leider nicht mehr so genau. Ich wies darauf hin, dass ich nicht lange Zeit habe, trotzdem fragte ich höflich, worum es denn ginge. …-Was ich denn nach meinem Praktikum mache?-… Als ich erklärte, nahm das Gespräch einen derart unschönen Verlauf, danach war ich einfach nur fertig. Was ich mir denn einbilde, warum ich denn unbedingt studieren müsste, andere könnten das doch auch nicht, dass ich mich um eine Ausbildung bemühen sollte… Meine Hinweise, dass ich alles für die Zeit dazwischen organisiert hätte, dass mir BAFöG und, aufgrund des bestandenen Abiturs, auch ein Studienplatz zustünden stießen auf taube Ohren. Dass ich, da ich immer ungern auf Sozialhilfe angewiesen war, in der Woche zuvor in der Nachtschicht gearbeitet hatte und mein Angebot, mich um einen weiteren Job in der Zeit bis zum Studium zu bemühen, falls es nicht ausreichen würde, ignorierte die fleißige, arbeitsintegrationsmaßnahmenbegeisterte Dame, die ich nie persönlich kennen gelernt habe, genauso. Den unverschämten Tonfall in dem derart Druck gemacht wurde werde ich auch nicht mehr vergessen.

Letztendlich ging das Ganze gut aus… Die Zeit, seit ich auf mich allein gestellt war hatte mich stärker gemacht. Meine zwischenzeitliche Arbeitgeberin hatte versichert, dass ich meine Freizeit im Büro verbringen konnte, um mich um einen Studienplatz zu bewerben und mein Studium vorzubereiten.

Mit meinem Studienhauptfach war ich leider recht schnell etwas unzufrieden, dass ein Hauptfachwechsel nach dem dritten Semester zum sofortigen Verlust des BAFöG-Anspruchs führt ist eine unschöne Sache. Da könnte man nachbessern. Sicher ist es nicht unterstützenswert, dass jemand ewig studiert, aber dafür könnte man einfach zeitliche Grenzen einrichten (zur Zeit ist das eben die Regelstudienzeit des Hauptfachs)… Nun ja… Ich studiere nun eben  einfach mein Nebenfach genauso intensiv.

Was die Voraussagen im Bezug auf meine Entwicklung angeht: Soweit ich das beurteilen kann, hatten meine Berufsberaterin und die Auswerter des Tests damals recht. Ich habe mich, nach einigen Nebenjobs, um eine Stelle als studentische Hilfskraft beworben, halte ein Tutorium, für mich war das früher undenkbar. Das ich sagen kann, dass ich denke dass ich gut darin bin,dass es mir Spaß macht, dass ich gelernt habe, auf Leute zu zu gehen (manchmal etwas unsicher, im Umgang mit manchen Dingen etwas seltsam, ab und zu ein bisschen a-sozial), dass ich das hier schreibe…

Fazit dieser ganzen Geschichte: Was da in dem Artikel beschrieben wird, es ist so bitter, aber leider Realität für viele “Bildungsferne”, “Arbeiter”- oder “HartzIV”-Kinder. Ideen, wie “Arbeiterkind”, greifen zum Teil viel zu spät, obwohl ich hoffe, dass dadurch vielen geholfen werden kann. Man wird einfach anders erzogen. Natürlich betrifft das nicht nur Kinder, die auf’s Gymnasium gehen könnten. Ich habe gute und schlechte Erfahrungen mit Mitarbeitern der beteiligten Behörden gemacht, aber meist kommt es mir vor, als seien es zu einem großen Anteil auch einfach bürokratische Hindernisse. So glaube ich zum Beispiel, dass die Mitarbeiterin, die mich damals so unter Druck gesetzt hatte, einfach nur ihren Job gemacht hat.

Auf jeden Fall muss sich was ändern!

Für Betroffene hier noch eine Sammlung an Links und Informationen. Wer fragen hat kann mir auf der “About” Seite gerne eine Nachricht schicken.


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