PiratInnen auf dem Bundesparteitag/kentern statt Gendern …

Mai 19, 2010 at 6:34 nachmittags (Ab18, piratiges) (, , , , , , )

… Echo

Manche stellen den Parteitag der Piraten ja gerne als fail dar. Scheinbar endlose Diskussionen, gereicht hat die Zeit nur für die Wahl des neuen Bundesvorstandes und sehr wenige der Anträge. Viele dieser Diskussionen waren notwendig und genau das, was den Parteitag zu einem so großen Erfolg macht. Eine der meiner Meinung nach wichtigsten: die Genderdebatte, und ich bin letztendlich froh, dass Lena sie Samstag auf dem Bundesparteitag aufgebracht hat. Es wird ja gerne behauptet, dass die Frauen in der Partei unter der größeren Anzahl männlicher Piraten entsetzlich zu leiden hätten. So schreibt die Frankfurter Rundschau

die wenigen Frauen unter ihnen spürten die Übermacht deutlich. Mehrfach fragten sie die neun Kandidaten vor der Wahl des Vorstandvorsitzenden, wie sie es mit der “Genderfrage halten”. Und mehrfach wurden die Frauen ausgebuht. Pirat ist Maskulinum

Wie konnte so ein Eindruck entstehen? Erstmal ist zu bemerken, dass der Artikel Samstag verfasst wurde. Die Aussagen beziehen sich auf die Wahl des Vorstandsvorsitzenden, wo es zu unschönen Szenen bei der Kandidatenbefragung kam. Bei dieser stellten zwei Piratinnen die “Genderfrage”.  Das Publikum, männliche wie weibliche Piraten, schien genervt, fertiggemacht wurde hier aber niemand. Die Kandidaten selbst hielten sich in ihren Antworten zurück, für die meisten schien die Debatte in 30 Sekunden schlecht zu beantworten. Was blieb war ein äußerst schlechter, wenn nicht parteischädigender Eindruck auf die Presse, an dem wohl sowohl die beiden Fragestellerinnen  als auch die Reaktionen im Publikum schuld sind. Es waren, bis zur Kandidatenbefragung zum stellvertretenden Bundesvorstand tatsächlich sehr wenige Frauen ans Micro gegangen, um Fragen zu stellen, allerdings entsprach diese Quote in etwa der der anwesenden Frauen überhaupt, ist also nicht weiter verwunderlich.

… Frauen & Quoten

Leider fand sich im Vorfeld auf der Kandidatenliste zum Bundesvorstand und Stellvertreter keine einzige Frau, was der Anzahl an aktiven weiblichen Piraten definitiv nicht gerecht wird. So traurig es für manche war, so verwunderlich war es. Da gab es letztes Jahr die Diskussion um die Piratinnen. Da wollte wer “klarmachen zum Gendern“. Wo waren diesen Frauen jetzt? Die Initiatorinnen ernteten damals heftige Kritik für ihr Vorhaben, eine eigene geschlossene Mailingliste nur für weibliche Piraten zu eröffnen. Wie ich denke berechtigterweise, ich unterstütze vor allem den Vorwurf der Intransparenz, zudem halte ich den geforderten “Schutzraum” für unnötig und kontraproduktiv. Bei all ihren Ambitionen, die Partei “für Frauen attraktiver zu machen”, von einer Kandidatur einer dieser PiratInnen, die sicher auch einige männliche Piraten unterstützt hätten, war im Vorfeld des Bundesparteitages keine Rede. Wohl aber am Samstag. Nach der Reaktion der Mitglieder während der Fragerunde fiel es einer der beiden Fragestellerinnen spontan ein, sich um den Posten des Stellvertreters zu bewerben. Damit kam Lena Simon der Aufforderung einiger Twitteruser nach, sie solle sich doch selbst zur Wahl stellen.

… als KandidatIn generell chancenlos?

Ich würde sagen: Nein. Wenig Chancen hatte Lena unter anderem, weil sie nicht vorbereitet war. Nach der Debatte letztes Jahre war der Wunsch der Parteimitglieder, nicht wieder einen “Aaron König” in den Vorstand zu wählen groß. Viele wollten sich lange vorher ausführlich über die Kandidaten informieren, es gab Fragelisten im Wiki und ausführliche Interviews mit den meisten Bewerbern.

Lena hatte sich nach den heftigen Reaktionen auf die “Piratinnen” zurückgezogen und, zusammen mit weiteren Piratinnen, das Projekt “frauenim.net” ins Leben gerufen. Für Interessierte eigentlich eine klasse Sache. Und bis zum Samstag hatte das Projekt auch Priorität. Vor ihrer Kandidatur hatte Lena noch Flyer verteilt. In ihrer Fragerunde darauf angesprochen, ob sie damit nicht zu beschäftigt sei, um Zeit für Posten zu haben  meinte Lena nun, das Projekt sei “im Juni eh beendet, und gar nicht klar, wie es danach weiter geht” . Irgendwie schade. Mich lässt so eine Äußerung im Nachhinein nicht nur an der Ernsthaftigkeit der Kandidatur zweifeln. Auch das Projekt scheint plötzlich ein ein wenig krampfhafter Versuch ein Problem zu benennen, dass es in den Augen der meisten “betroffenen” gar nicht gibt.

Im allgemeinen zeigt die Fragerunde zu Lenas Kandidatur vor allem eines: Es gibt Frauen in der Piratenpartei. Und die können sehr laut und gar nicht schüchtern sein. Für mich einer der bedeutendsten Momente während des Parteitages. Lenas Show war peinlich. Erst entstand bei der Presse der Eindruck, Frauen würden in der Partei unterdrückt. Hätten Grund, sich benachteiligt zu fühlen. Lenas Kandidatur war eine Show. Die ausführliche Fragerunde zugegeben genauso, aber unbedingt notwendig. Von den Frauen am Bundesparteitag (man weiß nicht wie viele es sind, wir Gendern nicht) schien sich plötzlich mehr als die Hälfte  hinter den Micros zu versammeln. Niemand wollte Lena fertigmachen, und ich halte die Fragen auch für fair, wenn sie sich zur Wahl stellt “weil sonst keine Frau im Vorstand ist”, vor einer Gruppe der fachliche Kompetenz eben mehr bedeutet, als das Geschlecht. Die Einstellung von Lena vertritt nur eine Minderheit der weiblichen Piraten, das hat der Bundesparteitag deutlich gezeigt. Kein Problem, man kann ja drüber reden.. da gibt es aber auch noch Queers, Homosexuelle, Männer, Ausländer … natürlich muß man Politik machen. Zu Themen. Warum sollte eine dieser Gruppen besonders hervorgehoben werden? Bevorzugt, in dem man ihr eine geschlossene Mailingliste gibt? Wenn zwangsweise eine Frau im Bundesvorstand sein muss, wären nicht für jede dieser Gruppen Vertreter nötig? Die Fragerunde hat auch gezeigt: Wir SIND post-gender. Wir sind Piraten. Männlich, weiblich, queer?

“sind wir nicht Piraten geworden um als Menschen gesehen zu werden und nicht in Gruppen eingeteilt zu werden?”

Die meisten scheinen genau dieser Ansicht. Lena schließt Personenkreise aus, diskriminiert. Am schlimmsten ist, dass der Eindruck entsteht, die “PiratInnen” würden weibliche Parteimitglieder vertreten. So sehr sie das Gegenteil betonen, der Begriff ist nun mal belegt.

Was vollkommen unterging: Lena ist echt hart im nehmen. Lena gibt nicht auf. Lena kann reden. Lena hat auch andere Themen… Lena hat bei mir verloren. Dass ich sie wählen würde, kann ich nicht vollkommen ausschließen, ich denke aber nicht. Trotzdem: Wir brauchen starke Kandidaten. Ich würde mir echt wünschen, dass Lena, wenn es ihr wirklich ernst ist, wieder kandidiert. Vorbereitet. Einige finden deine Politik, deine Themen gut. Und “Eier” hast du!

PS: Was besonderes? … so etwas macht mich echt nachdenklich … Danke, liebe Piraten, dass ihr Menschen als Individuen akzeptiert!


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