Rede zum piratigen Aschermittwoch 2011: “Digitale Radiergummis” – Analoge Strategien für digitale Probleme
Meine Rede zum piratigen Aschermittwoch 2011 in Ingolstadt. Hier gibt’s den Beitrag als PDF und hier die Aufzeichnung , Dank Wolfgang P. und Piratensteaming :
Ich habe meine Rede auf Papier. Ich übe für den Bundestag, da sind IPads nicht erlaubt.
Eigentlich wollte ich ja schon letztes Jahr reden. Wurde ensprechend der Frauenquote bei den Piraten auf ein Zehntel gekürzt. Und der Rest zensiert. Diesmal hab ich Andi Popp bestochen.
Warum ich mir das Thema “Digitaler Radiergummi” ausgesucht hab? Spricht mich an. Ich hatte Kunstleistungskurs.
Nach Stoppschildern, Ausweispflicht auf der Datenautobahn und Einschränkung der Panoramafreiheit in Googles Streetview fordert unsere Verbraucherschutzministerin Aigner (Facebooks Enemy Nr.1) nun also den digitalen Radiergummi für’s Netz. Ein “Verfallsdatum” für Internetdaten. Hoffen wir, dass das Verfallsdatum für unsere Regierung schneller abgelaufen sein wird. Solche Tools, die, noch dazu kostenpflichtig, für trügerische Sicherheit bei unerfahreneren Internetnutzern sorgen sind nichts als ein teures Placebo, Frau Aigner.
Warum eigentlich ein digitaler Radiergummi?
Es ist nicht jeder mit dem Netz aufgewachsen, das Durchschnittsalter der Unionmitglieder ist 56 und selbst bei den Grünen sieht’s mit 46 nicht sehr viel besser aus. Die ham des halt einfach nicht g’lernt. Als Literaturwissenschaftler hab ich auch ein wenig Verständnis für Totholzpolitker und Internetausdrucker.
Warum Deutschland den digitalen Tintenkiller braucht? Ganz klar: reiner Selbstschutz für den Durchschnittbundestagsabgeordneten, die stehn ja bei netzpolitischen Äußerungen gerne mal etwas neben sich, das möchte man natürlich nicht gerne im “Internet Archiv” verewigt sehn. Die planen natürlich voraus, für die Jobsuche nach einem Regierungswechsel, da muss die Weste wieder weiß sein.
Man braucht sich bloß die bisherigen Beiträge der Altparteien in puncto Netzkultur ansehen:
Zu den Glanzleistungen der letzten Zeit gehören neben dem “Zensursula-Stoppschild” und der “Sendezeit für’s Internet” Jungendmedienschutzstaatsvertrag ein paar herausragende Beiträge einzelner Mitglieder, die selbst Parteikollegen gerne im digitalen Nirwana verschwinden lassen würden:
Wenn der CSU-Generalsekretärs Alexander Dobrindt mal wieder lautstark kund tut, dass er seinen politschen Gegner für “Grün und dumm” hält wünscht man ihm eher einen Benimmkurs. Knigge her Dobrindt, das müssten sie doch kennen? Bei uns nennt man das “Netiquette”. – OK, kann man entschuldigen, der war blau als ihm das eingefallen ist
Aber eigentlich hat er ja recht, im Gegensatz zu den Grünen ist die Union eine richtig fortschrittliche Partei, die auf dem Weg zu neuen Ufern auch gerne mal bei den Piraten raubmordkopiert:
So rief die Bundestagsabgeordnete Doro(thee) Bär (die Dame mit der radiergummiwürdigen rosa Homepage) Sprecherin der CSU im Bundestag für “neue Medien”, im Frühjahr 2011 die CSU dazu auf, endlich Netzpolitik, den “weißen Fleck in der Parteienlandschaft” zu besetzen. Da müssen wir uns fragen: Sind sie farbenblind, Frau Bär?
Möglicherweise hat Frau Aigner das googeln in der CSU untersagt, da kann es schon mal passieren, dass man uns übersieht.
Die CSU möchte jetzt also auch “Netzpolitik” machen.
Offensichtlich hat Frau Bär dabei auch schon dazu gelernt, wollte sie doch im November 2009 noch Kinderpornostoppschilder zum Kampf gegen islamistische Terroristen nutzen.
Jetzt wäre das ja alles nicht so schlimm, wir sind ja im Internet, und gerade wir Piraten wissen, dass da gerne mal ein vorschnelles, unüberlegtes Wort fällt. Und wenn’s doch mal völlig daneben geht, alles kein Problem. Diese Anonymität im Netz, das kann schon mal dazu führen, dass man sich ein bisschen daneben benimmt.
Aus diesem und anderen Gründen fordert der Kollege aus der CDU, Axel Fischer das “Vermummungsverbot für’s Internet”. Da können die Imageberater und Facebookfollowergenerierer hinter Randalierern und Brüllaffen wie dem christsoziale Dobrindt hinterherradieren so viel sie wollen: Wir wissen wer das gesagt hat!
Natürlich, die Idee der Ausweispflicht dient auch edlen Zwecken, denkt man zum Beispiel an die Verantwortung der Politik gegenüber dem Verbraucher, der im Internet den übelsten Verbrechen, Verbrechern und Betrügern ausgeliefert ist: deshalb ist in Zukunft “Phishing” nur noch mit Angelschein erlaubt und für Spam wird Dosenpfand fällig. Ja, in einer Welt wo Stoppschilder den Verkehr Erwachsener mit Kindern regeln funktioniert das!
Ist das nicht ein wenig widersprüchlich, liebe Union? Aber das ist man ja von ihnen schon gewohnt. Möchte die Junge Union doch Pornos aus dem Internet verbannen und gleichzeitig am besten überall Nacktscanner installieren.
Aber, um jetzt mal was positives beizutragen, was kann man denn nun gegen Fehlverhalten und Jugendsünden im Internet tun?
Nichts. Oder zumindest nicht wesentlich anderes als in der “echten” Welt: Zeigt mehr Verständnis für die Fehler anderer und übernehmt endlich Verantwortung, für den Müll den ihr verzapft! Ich weiß, mit Nachhaltigkeit hat’s die aktuelle Regierung ja eh nicht so, wenn es nicht grade um langfristige Einsparungen für die Konzerne geht, die von einer Laufzeitverlängerungen in der Atomindustrie profitieren.
Da ist man doch froh, dass solche blödsinnigen Konzepte nicht funktionieren. Es wird nur endlich mal Zeit für sinnvolle Beiträge, um’s anders zu sagen: Liebe Regierungsmitglieder, eure Ahnungslosigkeit kotzt mich an!
Bitte, ihr macht’s doch Politik.
Befinden sich hier Trojaner im Publikum? Liebe CSU-Mitglieder-ja, auch die ohne Glied, die CSU hat ja jetzt Quote, das sollte man respektieren. Liebe CSU. Im Sinne einer besseren parteiübergreifenden Zusammenarbeit möchte ich darauf hinweisen, dass die JuPis gerne Bereit sind Nachhilfe in Sachen Netzkompetenz anzubieten. Gerne auch für Mitglieder der so genannten “Jungen” Union. Damit so was nicht mehr passiert: Lieber C[DS]U Politiker, pass auf wie du dich online verhältst und SCHÜTZE DEINE DATEN.
Hier nur auf der Union rum zu hacken ist gemein. Man macht eben Politik für den Bildzeitungs- -Verzeihung – den CDU-Wähler.
Das kann die FDP schon ganz an anders. Der typische FDP-Wähler, der marktradikale, Porsche fahrende, privat versicherte Hotelier, zählt auf das , was er “Selbstregulierung” nennt: Das geniale analoge Konzept mit Patent der FDP: digitale Schnellstraßen oder “wer die größere Hupe hat darf vor”. Liebe FDP, auf der Datenautobahn darf es keine Überholspur geben! Netzneutralität ist kein Internetsozialismus.
Liebe digitalen Spätzünder: setzen, sechs! Ich bleibe bei der Partei der “digital Natives” : Wir machen weiter so bis das angekommen ist: Das Internet darf kein merkbefreiter Raum sein. Ich bin Michèle, und ich bin Pirat!

